ÖKOLOGISCHER WEINBAU AUF DER DOMAINE RICHEAUME

Sprechertext aus dem ARTE-FILM « Natur Pur » (2000)
Ein Gut in der Landschaft von Richaume in der Provence. Getreidefelder, Weinberge und Olivenhaine werden hier nach ökologischen Kriterien bewirtschaftet. Für Wasser sorgt eine eigene Quelle. Die Grundidee, die Umwelt zu achten, mit den Gütern der Natur vernünftig und sparsam umzugehen, sich in den organischen Kreislauf einzufügen, wird hier bis ins kleinste Detail verfolgt.
Wie sensibel das natürliche Gleichgewicht ist und wie biologischer Landbau der Umwelt dient, indem er die Balance nicht stört, sondern unterstützt, zeigt sich ganz besonders an der Krönung des Landbaus – dem Wein. Boden, Luft, Wasser bilden ein dynamisches System. Beim Weinbau handelt es sich um eine Monokultur. Denn ein Weinberg besteht günstigstenfalls 50-100 Jahre. Umso wichtiger ist es, den Boden gesund und lebendig zu halten.

ÖKOLOGISCHER WEINBAU AUF DER DOMAINE RICHEAUME

Durch Begrünung der Flächen zwischen den Rebstöcken entsteht ein Biotop im Weinberg. Hier wurden Wicken und zu ihrer Abstützung Gerste und Hafer in die Weinzeilen eingebracht. Ihre Wurzeln dringen in den Boden ein und führen ihm Nährstoffe zu, die er braucht. Gleichzeitig festigen sie die Scholle.
Die Bepflanzung schützt im heißen Süden den Boden vor Austrocknung und Erosion. Außerdem ziehen Blumen und Getreide Insekten an und lenken sie somit von den Weinstöcken ab. In der kalten Jahreszeit bedeckt dichter Bewuchs den Unterstock der Weinreben.

ÖKOLOGISCHER WEINBAU AUF DER DOMAINE RICHEAUME

Im Frühjahr entfernen Landarbeiter das wildwachsende Gras, damit der Rebe keine wichtigen Nährstoffe weggenommen werden. Die Pflanzen im Mittelstreifen bleiben jedoch vorerst noch erhalten. Kleine Blätter werden abgerissen, so geht die Kraft des Weinstocks nicht an überflüssigen Sprösslingen verloren. Bevor die Pflanzen im Mittelstreifen zwischen den Weinstöcken ihrerseits wieder zuviele Nährstoffe brauchen und sie dem Boden entziehen, werden sie gehäckselt und als organische Masse auf dem Boden belassen.
Ein großer Feind des Rebstocks, der Mehltau. Ein Pilz, der bevorzugt Weinstöcke und Rosen befällt. Letztere zuerst. Eigens dafür gepflanzte Rosen schlagen sozusagen Alarm. Wenn sie befallen sind, werden vorsorglich geringe Mengen natürlichen Schwefels feingemahlen als Staub auf die Weinstöcke ausgebracht.

ÖKOLOGISCHER WEINBAU AUF DER DOMAINE RICHEAUME

Ein Feld, auf dem Hahnenklee wächst, dient einzig und allein dazu, dem Boden Nährstoffe zuzuführen. Henning Hoesch: « Die Herausforderung der biologischen Landwirtschaft ist, dass sie mit ganz anderen Kriterien etwas erwirtschaftet, das sich aber in einem allgemeinen Markt, wo die Konkurrenz herrscht, behaupten muss. Und da kommt es natürlich ganz auf die Qualität des Produktes an. Aber unsere Überzeugung ist, dass eigentlich durch diese natürlichen und schonenden Methoden das Produkt als solches auch einen spürbaren Qualitätsvorsprung hat.

ÖKOLOGISCHER WEINBAU AUF DER DOMAINE RICHEAUME

Das Produkt, in diesem Falle der Wein, wird in der gutseigenen Kellerei hergestellt. Auch der Wasserhaushalt spielt in der Entwicklung des Weines eine bedeutende Rolle. Das Gut Richaume hat das Glück einer eigenen Quelle. Wasser für Mensch, Tier und Pflanzen wird in einem natürlichen Kreislauf gehalten. Aus Weinfeldern abgezogen, weil Rebstöcke nicht gerne nasse Füße haben, hier in einem Bassin gespeichert, um den darunterliegenden Weinkeller zu kühlen. Gleichzeitig dienen Kollektoren für Sonnenenergie zur Beheizung eines anderen Kellerraumes, in dem die zweite Gärung stattfindet.

ÖKOLOGISCHER WEINBAU AUF DER DOMAINE RICHEAUME

Nicht nur, dass Biowein aus unbehandelten Trauben gewonnen wird, auch die Weinherstellung unterscheidet sich erheblich von der herkömmlichen. Henning Hoesch: « Dazu ist gleich ganz grundsätzlich einmal festzuhalten, dass wir durch die minimale Behandlung der Trauben im Weinberg die Hefe nicht zerstören, sondern die Hefe, die an der Beerenoberfläche sitzen, zur Gärung ohne weiteres verwenden können. Wir brauchen keine weiteren gärenden Zusätze.

ÖKOLOGISCHER WEINBAU AUF DER DOMAINE RICHEAUME

In diesen Holzfässern findet die zweite Gärung statt, bei der die Apfelsäure abgebaut und in Milchsäure umgeformt wird. Vorausgegangen war die erste Gärung, die ungefähr drei Wochen dauerte. Bei diesem Prozess soll sich die gewünschte Menge Tanin, also Gerbsäure, aus den Beerenschalen herauslösen.

ÖKOLOGISCHER WEINBAU AUF DER DOMAINE RICHEAUME

Die Qualität des Weines wird sich später auch am richtigen Anteil von Gerbsäure bemessen. Als nächster Schritt wird der vergorene Traubensaft zum Wein ausgebaut. In diesen Barique-Fässern hat er Zeit, zwei Jahre lang zu reifen. Ökologischer Landbau erwächst aus einem ganzheitlichen Konzept. Die Beachtung der natürlichen Zusammenhänge und der damit verbundene Mehraufwand zahlen sich aus. Eine intakte Umwelt und die Qualität der Produkte sprechen für sich.

WENN MENSCH UND LANDSCHAFT SICH GEGENSEITIG FORMEN

Die Geschichte der Domaine Richeaume beginnt eigentlich an einer ganz anderen Stelle der Welt, die vielleicht nicht gegensätzlicher sein kann, als diese Landschaft Richeaume am Fuße des Sainte-Victoire-Gebirges, das den Maler Paul Cézanne zu seinen zeitlosen Bildern inspirierte. Die Geschichte beginnt in den USA, als Henning Hoesch Dozent für Kirchenrecht in Yale war und der sinnlose Fortschritt auf Kosten der Natur, den er in Amerika beobachtete, ihn umdenken ließ. Als Antwort darauf suchte er einen Ort der Rückbesinnung auf landwirtschaftliche Traditionen.

WENN MENSCH UND LANDSCHAFT SICH GEGENSEITIG FORMEN.

Dabei stießen er und seine Frau Julia 1972 auf das 65 Hektar große Gut zwischen Rousset und Puyloubier, das voller bauhistorischer Relikte aus der Römerzeit ist und auch im Mittelalter vom Templerorden betrieben wurde. Eine wunderbar erhaltene Landschaftsinsel, doch das Gut war trotz seiner kostbaren bäuerlichen Architektur heruntergekommen, die Region von ungebremsten Grundstückshandel, Massenwein-Produktion sowie subventionierter Monokultur-Landwirtschaft bedroht.

WENN MENSCH UND LANDSCHAFT SICH GEGENSEITIG FORMEN.

1972 begann Hoesch dann auf nur 3 Hektar das Experiment eines konsequent ökologischen Weinbaus – zu einer Zeit als Begriffe wie « BIO » oder  « ökologisch » noch so gut wie unbekannt waren. Über die Jahrzehnte wurden in den besten Lagen grossflächige Weinterrassen angelegt, aus denen die Top-Weine des Gutes « Les Terrasses » und « Cuvée Columelle » hervorgehen und die schon früh das Lob der Fachwelt wie den renomierten Weinkritikern Parker und Johnson ernteten.
Im Respekt vor der Landschaft und von ihr inspiriert verwirklichte Hoesch die biologische Kreislaufwirtschaft und gab Raum einer vorbildlichen modernen Architektur bei Kellerei und landwirtschaftlichen Gebäuden. Das Weingut Domaine Richeaume bereicherte mit seinen klaren Strukturen die alte Landschaft und diese wiederum prägte den neuen Winzer Henning Hoesch.

ANSPRUCH UND INDIVIDUALISMUS VERBINDEN.

Henning Hoesch, Jahrgang 1940, gab seine wissenschaftliche Laufbahn als Historiker in Yale auf, um sich ab 1972 als Pionier dem ökologischen Land- und Weinbau auf der Domaine Richeaume zu widmen.
Ganzheitliches Denken, natürliche Weinbereitung und biologischer Anbau sind ihm dabei genauso wichtig wie die Qualität seiner Weine. Ökologie und Spitzenqualität schließen sich für Hoesch nicht aus, sondern bedingen einander.
Hoesch ist Individualist aus Überzeugung, dem selbst bestimmte Ziele wichtiger sind als vordefinierte Ideale, Utopien oder Dogmen. Seine unbeirrbare Eigenständigkeit ist wohl auch der Grund für die Unverwechselbarkeit seiner Weine, die zum Teil jenseits der oft einschränkenden Regeln der AOC (Appellation d’origine contrôlée) erzeugt werden.

ANSPRUCH UND INDIVIDUALISMUS VERBINDEN.

Sein Sohn Sylvain Hoesch, Jahrgang 1970, ist seit 2001 ebenfalls mit großer Begeisterung im Weingut aktiv. Schon früh sammelte er Erfahrungen bei renommierten Weingütern in Kalifornien und Australien, nachdem er in Marseille Önologie studiert hatte. Heute führt er das Weingut mit unvermindert hohem Anspruch an die Qualität der Weine.
Sylvan teilt mit seinem Vater aber nicht nur die Leidenschaft für den ökologischen Spitzenweinbau, sondern ebenso den ausgeprägten Eigensinn: Schließlich gibt es wohl nicht so viele studierte Önologen auf der Welt, die American Football in der Profi-Liga spielen.
Auch bei den Mitarbeitern arbeiten Menschen verschiedener Herkunft nebeneinander, gestandene Bauern der Provence, polnische Landarbeiter oder Studenten deutscher Weinbaufachschulen. So können erfahrene Landarbeiter, die zum Teil bereits seit Jahrzehnten auf dem Gut tätig sind, ihr Praxiswissen mit den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen durch den Austausch mit Önologiestudenten ergänzen, die in der Kellerei helfen.

ARCHITEKTUR IM DIENST DES WEINES

Die anspruchsvolle Architektur auf der Domaine Richeaume bildet eine natürliche Einheit mit dem Umland und setzt eigene Akzente. Das alte, auf den Mauern einer römischen Villa erbaute Wirtschaftsgebäude wurde für die Familie restauriert. Die Schönheit der einfachen und klaren   provenzialischen Bauweise steht dabei in einem lebendigen Dialog mit der modernen Architektur.
Der ganzheitliche Gedanke der Verbindung von Landschaft und Architektur nimmt bei dem Kellerneubau Gestalt an. Die Architektur folgt dabei dem Weg der natürlichen Weinherstellung bis hin zum abgefüllten Wein. Die verschiedenen Ebenen der Kellerei wurden in die vom Saint-Victoire-Gebirge terrassenartig abfallende Landschaft eingebettet, die die Idee gab, für die Arbeitsvorgänge das Gravitationsprinzip auszunutzen.

ARCHITEKTUR IM DIENST DES WEINES.

Diese moderne Architektur behauptete sich neben den von Generationen bäuerlicher Familien errichteten Wirtschaftsgebäuden. Als Architekten arbeiteten zusammen mit Henning Hoesch der Carlo Scarpa Schüler Jean Tchepitichian aus Venedig für die Kellerei und die Architektin Odette Ducarre – Nachbarin und ehemalige Professorin an der Kunsthochschule in Aix-en-Provence für die Gestaltung des Kellerdaches und moderner landwirtschaftlicher Gebäude.
Die Ästhetik der funktionalen Gestaltung, sowie die harmonische Verbindung von historischen und modernen Elementen machen zusammen mit den gestalteten Weinfeldern und Anbauflächen diese Kulturlandschaft unverwechselbar